Instant 2.0

von Butow Maler

Aus den unzähligen Benutzerprofilen auf MySpace, Facebook, Studi- oder SchülerVZ und Konsorten sind sie schon lange nicht mehr wegzudenken: Die Handyknippsbildchen, wie sie abschätzig von semiprofessionellen Amateuren genannt werden, beherrschen die Selbstdarstellungstempel der Generation Web 2.0. Schnell werden sie gemacht, schnell "upgeloadet" und sofort kann die Freundesgemeinde am soeben Erlebten zumindest in der Reproduktion teilhaben. Und was macht die Kunstszene? Überlässt sie der dokumentarischen Web-2.0-Fotografie kampflos das Feld?

Sofort, unmittelbar ... englisch "instant ... war da nicht einmal was? Richtig: "Instant Photography" war eines der Schlagworte der 60er und 70er Jahre. Polaroid vorallem war überaus erfolgreich mit Kameras und Filmen, die es ermöglichten, auszulösen und das fertige Bild schon wenige Sekunden später in der Hand zu halten und umhergehen zu lassen. Kodak und Fuji versuchten, sich ein eigenes Stück vom großen Instant-Kuchen abzuschneiden, scheiterten aber entweder an Patentklagen seitens Polaroid oder an mangelnder Akzeptanz durch die Polaroid-Gemeinde. Denn diese hatte sich schnell auch in der Kunstszene gebildet. Pop-Artisten wie Andy Warhol und vor allem David Hockney machten das damals neue Medium galeriefähig und die Instant Photography, die sich auf deutsch nur sperrig mit Sofortbildfotografie übersetzen lässt, gab den Platz, den sie sich damals bei den Künstlern eroberte nicht wieder frei.

Weniger das Sofortige bei den Bildern stand spätestens in der Achtzigern dann im Vordergrund, sondern mehr noch das Unkontrollierbare, was den Bildern immer anhaftete. Nie erschienen sie so, wie man es erwartete. Oft brachte der Film Farbverfälschungen hinein oder zeigte andere Ausschnitte als die gesehenen. Während das Unternehmen Polaroid dem mit immer ausgereifteren Kameras entgegenarbeitete und Spiegelreflextechnik einführte oder den Fledermaussonarautofokus erfand, entdeckte die Kunstszene die Manipulierbarkeit der sofort ausgeworfenen Papierabzüge. Mit heissen Löffeln wurden dort die Farben verschoben, oder die Bilder auf andere Träger transferiert. Jedes Bild war immer ein Unikat. Nichts war reproduzierbar sondern konnte nur im jeweiligen Augenblick so entstehen. Ja, letztendlich beeinflusst die Aussentemperatur das Farbschema der Bilder und vermutlich haben auch die Luftfeuchtigkeit und der Mondstand keine geringe Rolle. Nur das ist eben metaphysisch und steht hier nicht zur Debatte.

Dann aber kam die Digitalfotografie und mit ihrem Siegeszug begann der Untergang der Instant Photography. Warum auch soll man auf Parties teure Papierbildchen aus der Kamera auswerfen lassen, wenn man doch auch lässig das Display dem eben Fotografierten entgenstrecken kann? Billiger ist's allemal und keineswegs weniger "instant". Besser noch: Ist ein Schuss mal verdorben, schmerzt das nicht - macht man eben einen neuen. Und das solange, bis endlich was Brauchbares herauskommt.

Was machten die ambitionierten Fotografen in dieser Zeit? Die waren sowieso schon auf den Zug der Technik aufgesprungen und begannen, ihre Bilder nach Megapixelzahlen zu sortieren. Was machten die kreativ-experimentellen Fotografen? Die hielten weiterhin an Polaroid fest, bzw. entdeckten Toycams wieder, die bereits vergessen waren, und fütterten diese mit abgelaufenen Filmen, um wieder den Zufall in den Entstehungsprozess mit einfließen zu lassen. Und besser noch: Toycams oder Spielzeugkameras wurden mit Polaroid-Rückteilen aufgemotzt, um beide Elemente miteinander zu verbinden: das der billigen Plastiklinse mit dem des unkontrollierbaren Films.

Polaroid ging unter. Nicht als Hersteller von Sonnenbrillen - aber die Produktion der Filme wurde dann irgendwann eingestellt. Einige wenige Unverdrossene jedoch besorgent Kapital, übernahmen Produktionsanlagen und Patente und sind nun dabei, das Medium der Sofortbilder am Leben zu halten. Die Bildergebnisse sind experimenteller denn je und die Filme schlagen alle Preisrekorde. Es stellt sich hier nun spätestens die Frage, ob man diese antiquierte Technik nun wirklich noch braucht. Wie wichtig ist der sofort fassbare Papierabzug? Und kann nicht die Fotografie mit immer greifbaren Geräten wie Mobiltelefonen die Instant Photography auch in der Kunstszene ersetzen, so wie sie es im Massengebrauch bereits getan hat'

Kann sie. Nun, vielleicht nicht ersetzen, aber sinnvoll ergänzen und auch eine ernstzunehmende Alternative sein. Hockney, der Altmeister der Polaroidfotografie hat es bereits erkannt. Seine Werkzeuge sind heute das iPhone und das iPad, mit denen er Bilder "malt". Das Wesentliche ist nicht mehr das Resultat, welches in einer Galerie verkauft werden kann, sondern die sofortige Verfügbarkeit des Bildes. Seine auf Mobilgeräten geschaffenen Bilder werden von Hockney sofort an Freunde verschickt. Das Kunstwerk ist den Weg gegangen aus dem Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit über das der digitalen Reproduzierbarkeit ins Zeitalter seiner mobilen Verfügbarkeit.

Noch wird gelacht über die Handyknippsbildchen. Aber nicht nur werden Bilder mittlerweile mit den immer verfügbaren Mobilgeräten "gemalt", sondern auch zunehmend mit einem künstlerischen Gestaltungswillen daginter stehend fotografiert. Und Programmierer, die von derselben Leidenschaft angesteckt sind, schaffen kleine Programme, die in der Szene Apps genannt werden, mit deren Hilfe aus dem eher dokumentarischen Fotografieren ein kreatives Fotografieren wird. iPhoneography steht auf dem Banner, dass die Speerspitze der kreativen Mobilfotografen vor sich her trägt. Glyn Evans, selber Entwickler von Apps und Fotograf, berichtet auf iphoneography.com nicht nur von den neuesten Applikationen des Wettbewerbs, sondern stellt auch immer wieder spannende Portfolios vor. Und darin zeigt sich der Geist, der diese noch junge Szene antreibt: Man arbeitet nicht gegeneinander sondern miteinander. Immer wieder neue Apps werden geschrieben, die versuchen mit der Sterilität der Digitalfotografie zu brechen und das charmante Moment des Zufälligen wie in der Analogfotografie in die durch sie erzeugten Bilder einfließen zu lassen. One shot, one picture. Auch diese Idee wurde aus der Instant Photography übernommen. Man löst aus und darf dann, auch wenn das nur der mangelhaften Rechenkapazität der Mobiltelefone geschuldet ist, einige Sekunden warten, bis das Ergebnis auf dem Display erscheint. Ist das Ergebnis nicht das gewünschte, gibt es nur selten die Möglichkeit zu einem Zweitschuss: Der Moment ist bereits verstrichen, die festgehaltene Szene mittlerweile eine andere.

Die Digitalfotografie war der Untergang der Instant Photography. Mit der iPhoneography nun hat sich die Digitalfotografie einen eigenen Virus im Baudrillardschen Sinne geschaffen. Die Tugenden der sofortigen Ergebnisse wurden beibehalten. Die Fotografie selber aber geht den Weg von der Beliebigkeit und stets möglichen Wiederholbarkeit zurück zur Einmaligkeit. Kein Ergebnis gleicht dem vorherigen: Dafür allein sorgen die Zufallsparameter, die die meisten Entwickler in ihre Apps einfließen lassen.

Handyknippsbildchen goes Art. Instantly.


Verweise:
http://www.iphoneography.com
http://www.slowphoto.net
http://pixelsatanexhibition.com


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Über uns

Unter den Namen menschenfotografie.net, erotischefotografie.net, selbstfotografie.net und fetischfotografie.net hat sich ein Kreis von Fotografinnen und Fotografen gefunden die sich um das Thema Mensch in all seinen Facetten bemühen. Auf den Bildern und Videos sind meistens Menschen zu sehen: Im Portrait, im Akt, in Fetischdarstellungen, im Selbstbildnis, in Straßen-Szenen oder in inszenierten Geschichten und manchmal nur in Form von Spuren oder Eindrücken.


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Traumnovelle



Fenster zur Seele
Bilder, die Momente des Vertrauens offenbaren. BDSM hat viel Facetten, dementsprechend vielfältig sind die bildlichen Eindrücke - manche sind explizit andere implizit.
Eines haben jedoch alle Bilder gemeinsam. Sie erzählen Geschichten von Hingabe und Vertrauen und manchmal gewähren Sie einen Blick in das Fenster zur Seele.

Traumnovelle, eine Ausstellung der Künstlergruppe Bildgrund11 im Darkside Berlin.
Vernissage am 11. März 2016 um 20 Uhr

DarkSide, Nostitzstraße 30, 10965 Berlin



Das Plakat im A2 Format kann während der Veranstaltung käuflich erworben werden.


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Short Stories ist das aktuelle Projekt der Künstlergruppe Bildgrund11.

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Ab Dezember 2015 gibt es die Möglichkeit die Edition in der Box und in Form eines Abonnements zu erwerben.
Im Januar wird dann monatlich (außer im Sommer, Juni-August) ein Buch geliefert und im November ist die Ausgabe komplett.

Die gesamte Künstleredition von bildgrund11 in der Box kostet als Subskriptionspreis 150,00 Euro, Inlandsversand inklusive.



Bestellung unter: Kata Maler
kata@finissage.de




























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Kata Maler (30.09.2012)